Vitalii Hrekh Jede Sorglosigkeit hat ihren Preis

Gespräch mit dem ukrainischen Künstler Dilkone über Graffiti, Krieg, Kunst und bürgerschaftliche Verantwortung

Vitalii Hrekh – Vitalii Hrekh: Jede Sorglosigkeit hat ihren Preis | ArtGraduates Magazine

Vitalii Hrekh ist ein ukrainischer Künstler, bekannt unter dem Pseudonym Dilkone. Er lebt und arbeitet in Iwano-Frankiwsk. Sein Schaffen — von großformatigen Wandbildern über Malerei bis hin zur Grafik — hat sich seit Beginn der russischen Invasion in eine Reflexion eines Landes verwandelt, das um sein Überleben kämpft. Wir sprachen über Kunst, Krieg und den Preis der Sorglosigkeit.

Vitalii, Sie haben 2007 als fünfzehnjähriger Junge begonnen, in Drohobytsch Graffiti zu malen. Heute stellen Sie Grafik und Video in Wien aus. Beschreiben Sie diesen Weg — was geschah zwischen den ersten Tags an der Wand und der Galerie? Wie kamen Sie zur Malerei?

Wenn sich das Universum ausdehnt, dann erweitere ich die Werkzeuge meiner künstlerischen Sprache.

Tatsächlich bin ich mit Begeisterung über das Malen an Wänden und die Graffiti-Kultur in die Kunstwelt eingetreten. Mit der Zeit befriedigten diese Praktiken jedoch meine Lust am Schaffen nicht mehr vollständig. Bereits 2010 nahm ich an meiner ersten Gruppenausstellung teil. Seitdem betrieb ich neben Graffiti und später Post-Graffiti auch Malerei und Grafik gewissermaßen nebenbei. Ab 2018 rückte die Atelierarbeit in den Vordergrund, ebenso wie mein Selbstverständnis als Künstler. In der Graffiti- und Muralpraxis gibt es viele Sackgassen. Ich denke, eine solche Entwicklung ist sowohl weltweit als auch lokal recht verbreitet.

2012 haben Sie zusammen mit Ihrem Bruder Serhij und anderen das Kickit Art Studio in Lwiw gegründet. Was bedeutete Ihnen diese Gemeinschaft — und was ist davon nach Beginn der russischen Invasion geblieben?

Wir schlossen uns zusammen, um gemeinsame kreative Projekte und kommerzielle Aufträge zu realisieren. Wir teilten die Rollen und das Management — alles mit dem Ziel, unsere Möglichkeiten zu bündeln und mehr zu schaffen. So gelang es, eine Reihe von Wandbildern, Ausstellungen und Kooperationen mit Institutionen umzusetzen. Die erfolgreichsten Ergebnisse waren Projekte zur Einbindung weiterer Künstler: die Lemberger Straßengalerie und das Graffiti-Festival Aliarm. Diese gesamte Phase war wichtig für die Entwicklung. Bereits 2018 hatten wir uns endgültig auf unsere individuellen künstlerischen Praktiken konzentriert. Daher hat uns der große Krieg 2022 als Kollektiv nicht betroffen.

Übrigens: Die russische Invasion begann 2014. Was die Ereignisse von 2022 betrifft, verwende ich den Ausdruck Vollinvasion.

Sie leben und arbeiten in Iwano-Frankiwsk. Was passiert dort auf der Kunstszene seit Februar 2022 — funktionieren Galerien, entstehen Projekte, treffen sich Menschen rund um die Kunst?

Letzte Woche besuchte ich eine Ausstellung in der Asortimentna Kimnata. Wegen der Stromausfälle kann sich jeder Besucher am Eingang eine Taschenlampe nehmen. Die Temperatur im Raum liegt wenige Grad über null. Das ist die Realität, aber die Ausstellung läuft. In einer ähnlichen Lage befinden sich auch die lokale Wirtschaft und die Lebensbedingungen der Bewohner in ihren Häusern.

Was die Kunst betrifft — sie lebt wie in jeder Gebietshauptstadt nicht dank, sondern trotz der Umstände, getragen vom Engagement Einzelner. In der Stadt haben wir die mittlerweile recht erfahrene, oben erwähnte Asortimentna Kimnata und das neue Promprylad Art Center — zwei unabhängige private Institutionen. Sie arbeiten aktiv und geben den Takt vor. Erfreulich ist auch unser Theater, und es gibt das lokale Kunstmedium Postimpreza. Insgesamt ist die Lage relativ stabil. Kunst existiert. Sie hat es schwer, aber sie existiert.

Gibt es in der Ukraine in der aktuellen Kriegssituation überhaupt eine staatliche Förderung von Kunst und Kultur — Stipendien, Residenzen, Fördermittel? Wie sieht das in der Praxis aus?

Ein Künstler kann ohne ein Land überleben, aber ein Land kann nicht ohne Kunst bestehen.

Die Ukraine kämpft um ihre Existenz, daher erwarte ich in dieser Zeit keine staatliche Kunstförderung. Generell ist staatliche Kunstförderung auch in Vorkriegszeiten etwas recht Exotisches. Auch wenn es Ausnahmen gab, wie den UKF. Aber wer sucht, der findet. Es gibt Initiativen verschiedener gemeinnütziger Organisationen und privater Institutionen.

Oft stoße ich auf Open Calls und Möglichkeiten europäischer Institutionen — das Problem ist, dass es sich in den meisten Fällen um Angebote für Ukrainer handelt, die bereits in der EU sind oder frei ins Ausland reisen können.

Vitalii Hrekh (Dilkone) — Malerei

Und rein persönlich — können Sie heute von der Kunst leben, oder gehen Sie noch einer anderen Tätigkeit nach? Ist das in Ihrer Situation überhaupt möglich?

In den ersten Jahren der Vollinvasion war das für mich möglich, doch derzeit arbeite ich im Grafikdesign und übernehme verschiedene Aufträge. Das Schaffen in Vollzeit steht vorerst im Hintergrund.

Insgesamt ist ein Rückgang der finanziellen Aktivität seitens der Sammler spürbar. Möglicherweise hängt das auch mit der Veränderung meiner Kunst zusammen, die für ein breites Publikum weniger attraktiv geworden ist. Sie ist nicht mehr so auffällig und passt weniger in das Interieur eines beliebigen Zuhauses.

Wenn ich mir Ihre Arbeiten ansehe, erkenne ich eine Verschiebung von ökologischen Themen hin zur Kriegslandschaft — von Wandbildern in Tiflis über wohltätige Projekte bis zum Zyklus Black Spots. Was treibt Sie innerlich zum Malen an — was müssen Sie zum Ausdruck bringen?

Ich, das Land, die Gesellschaft — wir erleben tektonische Veränderungen, Ereignisse, die jeden betreffen. Das konnte die Arbeit nicht unberührt lassen. Ganz natürlich fanden diese Phänomene Eingang in die Bildthemen. Manchmal recht direkt, manchmal über Metaphern.

Mich treibt die Zufriedenheit mit dem Prozess an, weniger die Analyse des Ergebnisses. Generell mag ich es, wenn Malerei zu einer Art Infografik wird, Daten visualisiert und eine Geschichte oder einen Teil davon erzählt.

Wie würden Sie Ihren Stil jemandem beschreiben, der Ihre Arbeit nicht kennt? Und wer oder was hat Sie geprägt — welche Einflüsse, Künstler, Erfahrungen?

Die figurativen Leinwände sind eine Art Infografik aus vielen Schichten. Sie erinnern ein wenig an Vintage-Grafik und verbinden Elemente der Topografie mit grafischen Einschüben. Ich durchdenke darin sorgfältig Skizzen, suche nach Informationen und Inhalten, die zur Grundlage der Arbeiten werden.

In der abstrakten Malerei ist es ein Energiestrom, eine schnelle Entladung des Unterbewusstseins. Die Suche nach Form und Farbe direkt auf der Leinwand. Das ähnelt der Post-Graffiti-Praxis, bei der man sich auf den Prozess, die Umgebung und den inneren Vibe konzentriert.

Der Stil ist eine Art Filter für alles, was ich mag und was mir wichtig ist. Das Schwierige ist hier nicht das Finden, sondern das Weglassen des Überflüssigen und das Bewahren von Fokus und Flexibilität. Geprägt hat mich das Umfeld, besonders die Arbeit mit meinem Zwillingsbruder Ferosone. Die Liebe zu Karten, Vintage-Grafik, die Erfahrung im Design und im Malen von Graffiti und Wandbildern.

Vitalii Hrekh (Dilkone) — Arbeiten

Sie haben das Projekt «Кермо порятунку» (Lenkrad der Rettung) initiiert, bei dem zehn ukrainische Künstler, darunter Waone und Interesni Kazki, Bilder für den Kauf von Evakuierungsfahrzeugen für die Saporischschja-Front spendeten. Mit Ihrem Bruder haben Sie ein Wandbild am Stadion in Hostomel gemalt, das die russische Besatzung zerstörte. Öffentlich haben Sie auf einen italienischen Muralisten reagiert, der im besetzten Mariupol arbeitete. Wie sehen Sie die Rolle des Künstlers im Krieg — wo verläuft die Grenze zwischen Schaffen und bürgerschaftlicher Verantwortung?

Seit 2022 organisiere ich Spendensammlungen für die Bedürfnisse von Soldaten. Zunächst für Verwandte und Freunde. Seit 2023 gehöre ich zum Freundeskreis der Wohltätigkeitsstiftung «Вдячні» (Die Dankbaren), wo wir jeden Tag an der Versorgung von Kampfmedizinern arbeiten. Hier kann ich Fundraising-Projekte umsetzen — Kunstwerke gegen Spenden tauschen, weitere Akteure der Kunstszene einbinden. Vielleicht tue ich nicht immer genug, aber ich fühle mich an meinem Platz.

Viele meiner Freunde organisieren Spendensammlungen, und es ist zur Normalität geworden. Mit dem Schaffen hat das nichts zu tun. Es ist schlicht die Grundeinstellung eines Menschen, in dessen Heimat der große Krieg gekommen ist. Und wenn ich großer Krieg sage, meine ich eine Frontlinie von 1.000 Kilometern Länge, mit Schützengräben, Artillerie, Luftwaffe und Drohnen. Mit Hunderttausenden von Soldaten, die noch vor Kurzem zivile Berufe hatten und jetzt in Feldern und Waldstreifen leben, um das Leben anderer zu schützen.

Ich denke, die Rolle des Künstlers im Krieg ist dieselbe wie die eines Menschen jeder anderen Profession. Der einzige Vorteil — oder auch Nachteil — ist, dass er sie irgendwie in seinem Schaffen ausdrücken kann, sie etwas feiner erspüren und weitergeben kann.

Viele ukrainische Künstler sind emigriert — nach Wien, Berlin, Warschau. Sie sind geblieben. Was hält Sie in der Ukraine — und wie erleben Sie den Alltag eines Menschen, dem die Mobilisierung droht?

Ich hatte weder rechtliche noch ethische Gründe, die Emigration zu wählen. Meine moralischen Orientierungspunkte liegen auf dieser Seite der Grenze. Ich lebe in relativer Sicherheit, 1.000 Kilometer von der Frontlinie entfernt, in meiner Stadt. In den letzten vier Jahren bin ich trotz großer Schwierigkeiten zu Arbeitszwecken ins Ausland gereist und immer zurückgekehrt. Ich habe darüber nachgedacht, mich der Armee anzuschließen, mich aber nie zu diesem Schritt durchgerungen.

Generell ist das Träumen vom ersehnten Europa oder der westlichen Welt ein Dilemma nicht nur meiner, sondern auch früherer Generationen.

Unsere Zeitschrift wird von Menschen in der Europäischen Union gelesen, die sich mit Fragen der künstlerischen Karriere, Stipendien und Ausstellungsmöglichkeiten beschäftigen. Sie leben in einem Land, in dem Künstler von einem Tag auf den anderen zu Soldaten werden. Wie blicken Sie aus dieser Perspektive auf die Sorgen von Künstlern im komfortablen Europa — und was würden Sie ihnen darüber sagen, was im Leben wirklich wichtig ist?

Ein sorgloses Leben ist schön. Ich schaue auf euch und beneide euch im Guten. Überhaupt ist es angenehm, dass es ein Gebiet gibt, in dem sich das Leben entfaltet. Das gibt Hoffnung. Ich habe fast nichts zu sagen. Nur ein einziger ernster Satz: Jede Sorglosigkeit hat ihren Preis.

Vitalii Hrekh (Dilkone) — Malerei
Foto: Julija Stepanok

Unsere Leser möchten direkt helfen — kennen Sie eine geprüfte Spendenaktion oder Organisation, über die Menschen aus dem Ausland ukrainische Soldaten oder Künstler unterstützen können?

In der Wohltätigkeitsstiftung «Вдячні» (Die Dankbaren) wird jede Hrywnja mit Bedacht und Sorgfalt für den Schutz von Kampfmedizinern, ihrer Besatzungen und die Hilfe für Verwundete eingesetzt.

https://www.grateful.com.ua/en/bank-details/

Was Künstler betrifft — der Kauf von Kunst ist die beste Unterstützung in diesen turbulenten Zeiten.

Was möchten Sie in Ihrem Leben noch erleben?

Ich träume davon, ein sorgloses Leben zu führen, und noch besser, dass es in mein Land kommt. Einfach so ins Atelier gehen und Bilder malen, Grafik drucken und sich um nichts anderes kümmern. Ohne historische Ereignisse jeden Tag. Danke.

Vielen Dank für das Gespräch.

Im Original lesen: Українська

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