Malereiatelier 1 FaVU an der TU Brünn

Vasil Artamonov und Argišt Alaverdyan über das Aufnahmeverfahren, die Beteiligung der Studierenden am Atelierbetrieb und die Frage, ob man überhaupt eine Karriere in der Kunst aufbauen muss

Argišt Alaverdyan – Malereiatelier 1: FaVU an der TU Brünn | ArtGraduates Magazine
Argišt Alaverdyan und Vasil Artamonov, 2026. Foto: Anna Fiedlerová

Die akademische Sondierung von ArtGraduates führt uns diesmal an die Fakultät der Bildenden Künste der Technischen Universität Brünn, ins Malereiatelier 1. In diesem standardisierten Gespräch mit den Atelierleitern berühren wir zudem die doppelte kulturelle Identität, die Unterschiede zwischen den Malschulen sowie die Frage, was Erfolg in der Kunst eigentlich bedeutet – und ob er überhaupt aufgebaut werden muss.

Wie viele Bewerber hatten Sie zuletzt für Ihr Atelier, und wie viele von ihnen haben Sie aufgenommen?

Argišt und Vasil: Jedes Jahr bewerben sich rund dreißig Personen. Dieses Jahr haben wir drei Studierende ausgewählt und aufgenommen.

Wie sind Sie zur Lehrtätigkeit gekommen? War das eine bewusste Entscheidung parallel zur eigenen künstlerischen Praxis, oder kam es nach und nach?

Argišt: Während meines Studiums an der AVU (Akademie der Bildenden Künste in Prag) habe ich mir mit dem Unterrichten an einer Privatschule etwas dazuverdient, und ich habe diese Tätigkeit später mit Freude an verschiedenen Bildungseinrichtungen fortgesetzt. Meine enge Beziehung zur Pädagogik habe ich wohl von meiner Großmutter, die in Armenien Direktorin einer Grundschule war.

Vasil: Bei mir war es ähnlich. Das hat wahrscheinlich auch etwas mit meiner Neigung zur überindividuellen Praxis zu tun. Schon als Doktorand an der AVU habe ich dort als Assistent eines Gastdozenten gearbeitet, und nach dem Studium habe ich an mehreren Kunstgymnasien unterrichtet.

Könnten Sie das Aufnahmeverfahren in Ihr Atelier kurz beschreiben? Und sobald die Studierenden aufgenommen sind, in welchem Umfang beteiligen sie sich am Atelierbetrieb – haben sie ein Mitspracherecht bei den Lehrinhalten, bei der Auswahl der Gastdozenten oder bei der Gesamtatmosphäre?

Argišt und Vasil: Die erste Runde findet online statt; es geht darum, die Portfolios und Motivationsschreiben der Bewerberinnen und Bewerber zu begutachten. Die zweite Runde besteht aus zwei Teilen – der erste wiederum online, der zweite in Präsenz. Jeder Teil enthält zwei Aufgaben. Im Präsenzteil finden zugleich die Aufnahmegespräche statt.

Wir sind offen für alle möglichen Vorschläge und Vorstellungen der Studierenden, sowohl bei der Auswahl der Gäste als auch beim Atelierbetrieb. Häufig regen sie selbst Teiländerungen am Programm und an der Atelierpraxis an. Das Atelier besteht aus den Studierenden, und auf sie kommt es am meisten an. Bei der Auswahl neuer Studierender müssen wir auch berücksichtigen, wie sie das Gesamtprofil des Ateliers ergänzen, erweitern und bereichern können.

Welche einzelne Eigenschaft oder welches Kriterium halten Sie persönlich bei der Auswahl der Bewerber für am wichtigsten?

Argišt und Vasil: Auf eine einzige Eigenschaft oder ein einziges Kriterium lässt sich das wirklich nicht reduzieren. Üblicherweise ist es eine Kombination verschiedener Faktoren, die einander ergänzen. Wichtig sind die eigene Motivation, Begeisterung, Selbstreflexion, Offenheit und nicht zuletzt ein gewisses Maß an malerischem Können.

Wie hoch ist schätzungsweise der Anteil deutlich älterer Studierender unter Ihren Bewerbern? Und wie hoch ist der Anteil ausländischer Bewerber?

Argišt und Vasil: Derzeit machen ältere Studierende etwa 5 % aus, Bürgerinnen und Bürger anderer Staaten etwa 25 %, einschließlich der Slowakei. Das ändert sich je nach Umständen, und im Aufnahmeverfahren ist das kein Faktor, der irgendeine Rolle spielen würde.

Könnten Sie einige Ihrer Absolventen nennen, die in der zeitgenössischen Kunstszene bedeutenden Erfolg erzielt haben?

Argišt und Vasil: Das ist immer eine ziemlich heikle Frage. Erfolgreiche Absolventen zu nennen, setzt voraus, dass man Erfolgskriterien festlegt. Und zugleich entsteht im Umkehrschluss ein Raum der Erfolglosen. Und wenn wir Talentierte und Erfolglose nennen, grenzen wir damit dann die Erfolglosen und Untalentierten ab? Wenn wir Erfolg an der Häufigkeit der Ausstellungen und der medialen Erwähnungen der letzten Zeit oder am Erfolg im akademischen Bereich messen, dann lassen sich aus dem Malereiatelier 1 in alphabetischer Reihenfolge nennen: Yulia Bokhan, Štěpán Brož, Dominika Dobiášová, Marie Lukáčová, Vojtěch Luksch, Kateřina Rafaelová, Marie Štindlová, Aleš Zapletal und weitere.

Gibt es unter Ihren Absolventen außerordentlich talentierte Künstler, die Ihrer Meinung nach mehr Anerkennung verdient hätten, aus irgendeinem Grund aber nicht bekommen haben? Was stand ihnen Ihrer Meinung nach im Weg?

Vasil: Kristýna Fuksová, Ján Arendárik, Dita Klicnarová, Monika Kojetská, Ondřej Horák, Drahomíra Maloušková, Jiří Topinka, Zuzana Martiníková, Gabriela Váňová, Anna Sypěnová, Dominik Forman, Jolana Korbičková, Jana Švecová, Marianna Brinzová, Přemysl Procházka, Kamila Maliňáková, Kristýna Hejlová, Lenka Štěpánková, Veronika Kubátová, Marek Tischler, Zuzana Rišiaňová, Marie Fiedlerová, Kristýna Kyselá, Šárka (Pelikánová) Janeba, Anna (Straková) Fiedlerová, Lucia Janechová, Barbora Bažantová, Martin Gračka, Katarína Maceňková, Jakub Dvořák, Tomáš Kučera, Glorie Grünwaldová, Barbora (Rybníčková) Sapáková, Helena Ticháčková, Kateřina Kábová. Es ist möglich, dass ich noch jemanden vergessen habe. Das sind nur die Absolventen; ich erwähne hier nicht die Studierenden, die das Atelier durchlaufen haben, dabei aber während des Studiums anderswohin gewechselt sind.

Ich denke, sie sind alle ausnahmslos talentiert. Je mehr man sich darauf konzentriert, was Erfolg bedeutet, desto klarer wird, wie wenig selbstverständlich und wie schwer fassbar dieser Begriff ist. Im vergangenen Jahr war ich auf mehreren Ausstellungen, in denen Arbeiten von mindestens acht Personen aus den oben genannten „verkannten Talenten“ zu sehen waren. Einige von ihnen sind frisch von der Schule, sodass anzunehmen ist, dass die Künstlerlaufbahn sie erst noch erwartet. Es ist verständlicherweise schwierig, in der Kunstszene Fuß zu fassen, denn der Kunstmarkt in Tschechien ist relativ bescheiden. Mit der Zeit wird Kunst dann oft zu einer Art Nebentätigkeit, die man gerne ausübt, von der man aber nicht genug verdient, um davon zu leben.

Manche Absolventinnen und Absolventen haben begonnen, sich in anderen (mal stärker, mal weniger verwandten) Bereichen zu verwirklichen. Häufig ist zum Beispiel die Lehrtätigkeit, ebenso der Kulturbereich im weiteren Sinne. Oder, soweit ich weiß: Gastronomie, Versicherungswesen, Sexarbeit, Produktion, neuer Zirkus, Tätowierpraxis, Publizistik, Illustration, Polizeiarbeit, Schriftmalerei, Game-Design, Buchbinderei, kreatives Schreiben, Kuratieren, Musik, Psychotherapie und Ähnliches. Und aus unserer Kunstblase heraus können wir natürlich oft gar nicht beurteilen, ob und wie erfolgreich die Absolventen in diesen Bereichen sind.

Verfolgen Sie, wie es Ihren Absolventen in den Jahren nach dem Studienabschluss beruflich ergeht – etwa, wie viele von ihnen als professionelle Künstler aktiv bleiben? Erhebt Ihre Institution irgendwelche Daten zum beruflichen Werdegang der Absolventen?

Argišt und Vasil: Auf diese Frage haben wir in der vorherigen schon teilweise geantwortet. Auf der Website der FaVU ist außerdem nachzulesen, dass die Fakultät derzeit 869 Absolventinnen und Absolventen des Masterstudiums, 50 des Promotionsstudiums und über 875 des Bachelorstudiums zählt, von denen mehr als 575 ein anschließendes Masterstudium aufgenommen haben. Die Fakultät betreibt zudem ein Alumni-Programm und bietet auch nach dem Abschluss zahlreiche Möglichkeiten weiterer Zusammenarbeit und Unterstützung an, etwa Postgraduierten- und Postdoc-Programme oder geförderte Atelierräume.

Umfasst Ihr Programm Lehre zur digitalen Kompetenz von Künstlern – Aufbau eines Online-Portfolios, Umgang mit sozialen Medien oder Selbstdarstellung? Welche Online-Plattformen nutzen Ihre Studierenden am häufigsten, um ihre Arbeit zu präsentieren?

Argišt und Vasil: Hier haben wir noch Lücken, die wir konsequenter angehen wollen. Wir halten es derzeit für wichtig, künstlerische Tätigkeit im digitalen Raum auf höchstmöglichem professionellem Niveau zu präsentieren. Aktuell wird natürlich am meisten Instagram genutzt, das in vielerlei Hinsicht problematisch ist, aber das wäre eine längere Debatte.

Arbeitet Ihr Atelier aktiv mit Galerien, Museen oder anderen Kunstinstitutionen zusammen, damit die Studierenden schon während des Studiums Kontakt zum tatsächlichen Kunstbetrieb bekommen?

Argišt und Vasil: Jedes Jahr haben wir eine, manchmal auch mehrere Ausstellungen mit starker Beteiligung der Studierenden. Wir arbeiten mit Ausstellungsinstitutionen in ganz Tschechien zusammen. Es ist uns wichtig, dass die Studierenden an der Werkauswahl und am Aufbau der Ausstellungen beteiligt sind, denn das ist ein wesentlicher Teil der künstlerischen Praxis und der Kontextualisierung der eigenen Arbeit.

In der Kunstausbildung wird über die Machtdynamiken zwischen Lehrenden und Studierenden diskutiert. Welche Mechanismen gibt es an Ihrer Institution, um Amtsmissbrauch vorzubeugen, und halten Sie sie für ausreichend?

Argišt und Vasil: Als Atelierleiter ist es uns grundlegend wichtig, den Studierenden mit größtmöglicher Empathie zu begegnen und ein angenehmes Umfeld zu schaffen. Wir versuchen, das Feedback der Studierenden regelmäßig zu verfolgen und zu berücksichtigen. An der Fakultät gibt es selbstverständlich auch die Funktion einer Ombudsperson.

Beide Leiter des Malereiateliers 1 sind außerhalb Tschechiens geboren – Vasil in Russland, Argišt in Armenien – und beide leben hier seit ihrer Kindheit. Wie beeinflusst diese Erfahrung einer doppelten kulturellen Identität die Atmosphäre des Ateliers? Bringen ausländische Studierende etwas Spezifisches ins Atelier?

Argišt: Beide Eltern stammen aus Armenien, aber ab meinem zweiten Lebensjahr haben wir in Tschechien gelebt. Das doppelte Bewusstsein – das armenische und das tschechische – erzeugt in mir eine kulturelle Fluidität und bringt zugleich eine innere Spannung mit sich, die mit Assimilation verbunden ist. Vielleicht kann diese Erfahrung ein höheres Maß an Empathie für die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe der Studierenden ins Atelier bringen, aber ich würde das nicht überbewerten. Ausländische Studentinnen und Studenten im Atelier können unverkennbar die Denk- und Sehweisen aller im Atelier erweitern – und das gilt für sie selbst noch stärker.

Vasil: Für mich ist der größte Bonus dieser anspruchsvollen Erfahrung wohl die Fähigkeit zu einem gewissen distanzierten Blick auf Kultur im weiteren Sinne des Wortes. Im Übrigen schließe ich mich der Antwort von Argišt an.

Vasil Artamonov, Maler und Leiter des Malereiateliers 1 an der FaVU der TU Brünn
Vasil Artamonov, 2026. Foto: Michal Ureš

Vasil hat an der UMPRUM bei Jiří David studiert, Argišt an der AVU bei Skrepl und Beran. Welche Unterschiede aus diesen beiden Schulen bringen Sie in die gemeinsame Leitung eines einzigen Ateliers ein?

Vasil: Mein Hochschulstudium habe ich im Malereiatelier von Pavel Nešleha an der UMPRUM (Akademie für Kunst, Architektur und Design in Prag) begonnen, dann bei Stanislav Diviš fortgesetzt, ein Praktikum bei Vladimír Skrepl an der AVU absolviert, bei Jiří David an der UMPRUM diplomiert und danach noch an der AVU bei Jiří Příhoda weiterstudiert. Es ist eine Kombination verschiedener Einflüsse, und ehrlich gesagt erkenne ich eher unterschiedliche pädagogische Ansätze dieser einzelnen Persönlichkeiten als den Unterschied zwischen zwei verschiedenen Schulen. Im Rückblick habe ich versucht, mir manche ihrer pädagogischen Methoden anzueignen und anderen gerade zu widersprechen.

Argišt: Mein Studium begann an der AVU bei Zdeněk Beran; nach einem Studienjahr übernahm Martin Mainer das Atelier. Im fünften Studienjahr war ich dann zwei ganze Semester im Austausch bei Vladimír Skrepl, und meine Diplomarbeit habe ich im ursprünglichen Atelier gemacht. Allerdings wollte ich mich nie mental auf ein bestimmtes Atelier festlegen, und während des Studiums habe ich mich mit vielen weiteren Lehrenden ausgetauscht. Ich wollte mein Studium so angehen, dass ich Studierender der AVU bin und nicht Studierender eines bestimmten Ateliers.

Zum Schluss – welchen Rat würden Sie jungen Künstlern am Anfang ihres Weges geben? Was braucht es, um durchzuhalten und sich eine nachhaltige Karriere in der zeitgenössischen Kunst aufzubauen?

Argišt: Ich musste lange darüber nachdenken, aber am Ende scheint mir, dass das Schlüsselwort Offenheit sein könnte. Sie schließt zugleich Flexibilität ein – also die Bereitschaft, grundlegende Veränderungen in der eigenen künstlerischen Tätigkeit vorzunehmen. Denn nicht jede künstlerische Strategie ist zu einem gegebenen Zeitpunkt die erfolgreichste Wahl, und in einem bestimmten Kontext muss sie nicht resonieren. Das heißt aber nicht, kurzfristigen Trends nachzugeben oder sich ihnen völlig zu verschließen – es heißt einfach, offen zu bleiben, auf sich selbst und auf alle möglichen künstlerischen Ansätze zu hören und aus all dem so zu schöpfen, wie es uns am natürlichsten ist.

Vasil: Ich habe das Gefühl, dass es wichtig ist, sich nicht zu sehr an festgefahrenen Vorstellungen und Schemata davon zu klammern, was künstlerische Tätigkeit zu sein hat. Und für mich ist es keine Schande, gar keine Karriere in der Kunst aufzubauen. Ein verkrampftes Bemühen, sich durchzusetzen, kann sogar kontraproduktiv sein. Einfach in Ruhe an den eigenen Sachen arbeiten und hin und wieder anderen Leuten davon erzählen.

Danke für das Gespräch!

Argišt Alaverdyan und Vasil Artamonov, Leiter des Malereiateliers 1 an der FaVU der TU Brünn
Argišt Alaverdyan und Vasil Artamonov, 2026. Foto: Anna Fiedlerová

Im Original lesen: Česky

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