Vít Kalvoda Im Sattel des Windes

Ein Bekenntnis über Fördergelder, den Preis unabhängiger Kultur und den Rat, den Sie nicht hören wollen

Vít Kalvoda: Im Sattel des Windes | ArtGraduates Magazine
Vít und Fin. Foto: © Martina Koubková

Vít Kalvoda ist der Gründer des Cafés und Musikclubs Ponava im Brünner Lužánky-Park, Veranstalter des multigenren PonavaFest und Mitbegründer der Brünner Vereinigung der Clubmusik. Ein ehemaliger Finanzfachmann, der seit mehr als zehn Jahren für die unabhängige Kultur lebt – er organisiert Festivals, betreibt das Internetradio Ponava Radio und baut die internationale Musikplattform UFMC auf. Im Gespräch erzählt er, was das alles kostet, warum er nicht aufhört und was ihn im Sattel des Windes hält.

Wann haben Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben etwas für andere Menschen organisiert – und warum?

Als ich etwa vier war, führte ich für die Mädchen aus der Nachbarschaft Puppentheater auf. Die Erinnerung ist mit einem Bild verbunden: Wir gehen barfuß im Sommer über frisch asphaltierten Straßenbelag, der Asphalt klebt an unseren Fersen – und dann spiele ich für die Mädchen Theater, sie lachen, verstecken sich unterm Bett, und ich bin glücklich. Ich tat es wohl, weil ich die Mädchen mochte, oder vielleicht eher, weil ich ihre Freude und ihr Lachen liebte, diese Glückshormone, die durch die Luft fliegen. Ich tat es aus Liebe und zur Freude.

Ein weiteres Bild stammt vom 16. September 1998, als ich las, dass Vladimír Hollan gerade Geburtstag hat. Ich lieh mir vom Direktor des Gymnasiums in Kyjov (Südmähren), Miloš Malec, den Schlüssel zum Musiksaal im ehemaligen Piaristenkolleg und veranstaltete dort im engen Kreis kulturbegeisterter Teenager eine Lesung mit kleiner musikalischer Einlage.

Es scheint, als hätte mich eine kulturelle Vision, in altersgemäßer Form, seit der Kindheit begleitet.

Wann wurde daraus ein Beruf? Gab es einen Wendepunkt?

Im Jahr 2009 pflanzte mir jemand bei der Tschechischen Nationalbank die Idee ein, eine Reihe zur Finanzbildung zu machen. Also begann ich, ein Buch mit Kurzgeschichten über Finanzbetrüger, Blutsauger und Manipulatoren zu schreiben. 2011 gelang es mir dank eines Tipps von Hanka Chalupská und der Zusammenarbeit mit meinen Bandkollegen von Les Yielles – Honza (Oliva) Orava und Radovan (Draxx) Kramář –, eine ordentliche Förderung aus dem EU-Bildungsprogramm OP VK für die Produktion einer Fernsehserie namens Hvězdný prachy (Sternenstaub) zu bekommen. Darin drehten wir auf Grundlage der Geschichten aus meinem Buch eine herausfordernde Serie, die oft schockierende Dokumentarfilme von FAMU-Studenten (Film- und Fernsehfakultät der Akademie der musischen Künste in Prag) mit einem animiert-gespielten Rahmen von Zdeněk Durdil verband.

Leider scheiterten wir völlig daran, das langatmige TV-Dokumentarformat von 26 Minuten zu treffen. Das Tschechische Fernsehen strahlte die Serie nie aus, und sie blieb auf YouTube. Sie dokumentierte sieben Arten von Betrügern auf dem Finanzmarkt und verwies auf eine Website mit einem Vergleichsrechner für reale Finanzprodukte.

Mir war klar, dass ich mir mit dieser Aktion gleichzeitig den Ast abgesägt hatte, auf dem ich im Finanzsektor saß. Ich hatte alle gegen mich aufgebracht und musste als Persona non grata das Feld räumen und anderswo suchen. Diese Suche und das Folgen des weißen Kaninchens führte mich 2013 zur Gründung einer Freiwährungsinitiative und des ökokulturellen Vereins Zahrady soutoku (Gärten des Zusammenflusses) und ab 2015 zu den kulturellen Produktionen im Ponava.Cafe.

Kann man in Tschechien von der Arbeit für unabhängige Kultur leben?

Das versuche ich seit elf Jahren herauszufinden. Ich würde es selbst gerne wissen. Wenn es mir nicht gelingt, wird es eine kleine Enttäuschung sein, aber keine allzu große Überraschung. Vorerst glaube ich, dass ich mir zumindest Unterkunft und Essen verdienen kann. Ich suche nach wie vor nach einem Prinzip, das mir erlaubt, von den manchmal nicht geringen Mitteln, die ich in den Kreislauf des Kulturlebens pumpe, etwas zum Leben übrig zu behalten – denn ganz einfach: je mehr man für sich behält, desto weniger bleibt für die anderen, und das merkt man den Veranstaltungen an.

Kunst, die sich auf wahren inneren Wert konzentriert, scheint häufiger nach innen zu atmen als nach außen und erreicht deshalb nur selten ein breiteres Publikum. Wer es so macht, dass es gefällt, stinkt oder verfällt der Fadheit des Erwartbaren. Wer es nicht tut, um zu gefallen, wird nur enge Kreise von Liebhabern des authentischen, suchenden Geistes und Talents zufriedenstellen – aber dann wird der Lebensunterhalt zum heiklen Thema, denn in diesen Kreisen betrachten manche allein die Tatsache, dass einem von dieser Arbeit etwas übrig bleibt, bereits als Vergehen.

Wovon lebt jemand, der gemeinnützige Kulturprojekte betreibt?

Vor allem von seiner Genügsamkeit. Den letzten Winter hauptsächlich von Hülsenfrüchten und verschiedenen Mehl- und Getreidesorten, die mir nach der Schließung des Küchenbetriebs während Corona geblieben waren. Gerade bin ich bei Hirse. Diese Sachen verderben nicht so schnell. Geholfen hat mir auch der Goldhandel.

Ansonsten vom Verkauf von Kaffee und Bier, von Fördergeldern und von der Fähigkeit, seine Visionen und Ideen den Entscheidungsträgern zu verkaufen und sie davon zu überzeugen, dass sie der Gesellschaft nützen. Manchmal auch von Spenden und geliehenem Geld oder von Nebenjobs in anderen Bereichen, in denen man sich auskennt. Für diese Nebenjobs bleibt allerdings mit der Zeit immer weniger Energie.

Bleiben wir bei den Fördergeldern. Welche Erfahrungen haben Sie damit? Haben Sie praktische Tipps?

Es wird banal klingen, aber das Prinzip ist tatsächlich einfach: Die Geldgeber vergeben Mittel an diejenigen Veranstalter und Projekte, die mit ihren Zielen übereinstimmen. Wenn Sie also Geld wollen, machen Sie das, wofür es Geld gibt, und machen Sie es gut. Wenn das, was gefördert wird, nicht zu Ihnen passt, zwingen Sie sich nicht dazu – Sie werden leiden.

Durch den Versuch zu gefallen verlieren Sie Authentizität und Unabhängigkeit. Wie weit sind Sie bereit zu gehen in dem Bestreben zu gefallen und in der Bereitschaft, ein meritokratisches Werkzeug zur Stabilisierung von Macht zu sein? Ab einer gewissen Grenze werden Sie zum Politiker, wenn nicht gar zum Mittäter organisierter Gewalt – politischer Macht. Wenn die Ideen der Geldgeber und Ihre Pläne übereinstimmen, dann teilen Sie ihnen diese Ideen mit – so klar wie möglich und ungeachtet der oft dummen Formulare.

Je komplizierter die Projektverwaltung, desto weniger arbeiten Sie am Projekt selbst und desto mehr an dieser Verwaltung. Ab einem gewissen Punkt werden Sie zum Amt. Wollen Sie das? Halten Sie Niveau und Standard, und sei es mit Ach und Krach, denn Armen gibt man keine Fördergelder, damit sie sie nicht verprassen. Das Argument „Wir haben es schlecht gemacht, weil ihr uns nichts gegeben habt“ interessiert niemanden. Sie dürfen keine Angst haben zu investieren – wer aussieht, als hätte er nichts, bekommt nichts, und wer sich fürchtet, sollte den Wald meiden.

Der Preis, den Sie für manches Geld zahlen, ist zu hoch, und solche Projekte lohnen sich nicht. Ich spreche von dem Punkt, an dem Sie aufhören, Sie selbst zu sein, weil Sie Ihre Ideen durch Kompromisse auf einen Fördertitel zurechtbiegen. Das ist ein garantiertes Rezept für Verbitterung und Mehrarbeit – aus begeisterten Visionären können verbitterte Bürokraten werden.

Projektideen sitzen in Zellen wie Bieneneier und warten auf nahrhaften Gelée royale. Einem Ei mit schlechter DNA hilft auch viel Gelée nicht – etwas Nutzloses oder Schädliches kann daraus wachsen. Aber auch großartige DNA ohne Gelée stirbt, vertrocknet, bringt nichts hervor und bekommt beim nächsten Mal auch kein Gelée mehr.

Machen Sie die Dinge, die Sie können und tun wollen, mit Menschen, mit denen Sie zusammenarbeiten wollen und mit denen es funktioniert. Es gibt nichts Traurigeres als einen Haufen Gelée royale, in dem ein totes Ei schwimmt. Das ist übrigens oft auch ein Bild der westlichen Gesellschaft insgesamt: bis über beide Ohren im Gelée, aber ohne Vision. Deshalb folge ich immer der lebendigen Idee einer lebendigen Gemeinschaft, destilliere daraus die Vision, unterstütze und vernetze sie kreativ, leite Brainstormings und Treffen, halte die Dynamik der Projektgemeinschaft aufrecht, trete in die Pedale und versuche dann, geeignete Förderquellen zu finden.

Ich scheue mich nicht, demjenigen zu danken, der ein Projekt unterstützt – ohne über diese Person zu urteilen. Denn Geld ist immer schmutzig, und wer damit hantiert, macht sich schmutzig. Der Hüter des Misthaufens kann nicht nach Rosen duften, aber ohne Mist blühen keine Rosen und verströmen keinen Duft. Mit Überdüngung allerdings verbrennt man alles. Überlegen Sie, ob Sie in Ihrer Branche bereit sind, mit den Inhabern politischer Macht zu verhandeln – jenen, die letztlich über das Geld entscheiden – und sie ins Spiel einzubeziehen.

Geldgeber erkennen in der Regel ein gutes Projekt, aber auch Ihr Ruf spielt eine große Rolle – er kann die Glaubwürdigkeit des Projekts steigern oder senken. Ein Image zu haben ist wichtig. Ich baue mein Image lieber durch echtes Handeln auf, aber professionelle Förderjäger fabrizieren ihre PR und ihren Ruf vor allem über Medien und die Beeinflussung von Schlüsselpersonen, nach dem Motto: „One ounce of image is more than ten pounds of performance.“ Ich verabscheue das.

In den Kommissionen sitzen in der Regel auch Menschen, die Gutes von Schlechtem unterscheiden können. Die Frage ist, was ihre Haupteinnahmequelle ist, ob sie das Geld vor allem an diejenigen schicken, mit denen sie selbst zusammenarbeiten, und wer sie in die Kommission berufen hat. Ich will nicht sagen, dass sich große Akteure über beeinflusste Beamte die Kommissionen selbst zusammenstellen und sich dann aus den erhaltenen Mitteln Honorare auszahlen – aber auch solche Situationen kommen leider vor.

Das ist der reale und dunkle Weg, auf dem Ungeheuer lauern. Ich versuche, den hellen Weg zu gehen, auf dem die Schätze nicht so reich, aber auch die Monster, die auf ihnen sitzen, nicht so groß sind: echte, lebendige Worte in Projekte schreiben, zu den Kommissionsmitgliedern so sprechen, dass die Idee ankommt, komplexe Förderanträge stellen, bei denen die Teilnehmer nach der Qualität des Textes und des Projekts gefiltert werden und die Gutachter gut von Einflussnehmern abgeschirmt sind.

Tote Worte und Phrasen interessieren niemanden. Manche interessieren leider nicht einmal die lebendigen – sie studieren die Projekte nicht und verteilen Geld nach Gefühl und nach der Meinung ihrer Blase.

Was Ihnen auf jeden Fall hilft, ist, Ihre Erfolgsbilanz und Selbstpräsentation zu pflegen. Und die Worte Ihrer Projekte müssen mit dieser Bilanz, mit der Realität und mit Ihrer Präsentation übereinstimmen.

Begreifen Sie schließlich eines: Große Projekte mit viel Geld bedeuten einen enormen Arbeitsaufwand, manchmal so viel, dass es stressig, zermürbend oder gar selbstzerstörerisch wird. Hunderte Stunden Schreibarbeit und gewissenhafter Arbeit, Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Sitzfleisch, mit völlig ungewissem Ergebnis. Ist es das, was Sie monatelang in Ihrer Projektzelle tun wollen?

Wie viele Monate im Jahr können Sie Arbeit opfern, die möglicherweise völlig vergeblich sein wird, geistig aufreibend, getrennt von Ihren Nächsten? Für jede Förderung zahlen Sie den Preis langer Stunden gewissenhafter gedanklicher, organisatorischer, präsentatorischer und dokumentarischer Arbeit, die Sie ziemlich weit vom eigentlichen Gegenstand Ihrer Tätigkeit entfernen kann. Dafür brauchen Sie eine Organisation – Manager, Dramaturgen, Koordinatoren, Verwalter. Und rechnen Sie damit, dass am Ende „dem einen wenig, dem anderen nichts…“ bleibt und der Kleinste nach Hause flüchtet, weil ihm nur Schulden geblieben sind.

Rechnen Sie auch damit, dass sich, wenn Sie schließlich Erfolg haben und großes Geld in den Händen halten, Menschen unter Ihre Haut schleichen – ich nenne sie Förderparasiten –, die nicht Ihr Projekt wollen, sondern Ihr Geld, und die eine schleichende Gefahr für Ihr Projekt darstellen. Ohne ein vorbereitetes Team, das auf der Grundlage gemeinsamer Werte und Interessen atmet, hat es wenig Sinn, ein Projekt zu machen. Und dieses Team muss vorab bereitstehen und darauf warten, dass wir, wenn es klappt, gemeinsam etwas Schönes schaffen.

Analoges Mapping der Gruppe Lumenartist auf dem PonavaFest
Analoges Mapping von Lumenartist auf dem PonavaFest. Foto: © Jakub Jíra

Warum machen Sie nicht etwas Einträglicheres?

Ich denke tief nach. Wahrscheinlich, weil ich, wenn ich aufhörte, viele Menschen enttäuschen würde, für die ich das tue. Ich müsste wohl weit wegziehen, um nicht den Rest meines Lebens damit zu verbringen, zu erklären, warum ich aufgegeben habe.

Im Moment ist die Lage so, dass von oben Druck ausgeübt wird, den Kulturbetrieb der Ponava einzustellen und anstelle der Kulturkneipe, die eine Art Clubhaus der freien Kultur und diverser Projekte ist, ein ganz gewöhnliches Restaurant zu machen.

Wenn ich diesen Kampf um mein Stück Boden verliere, werde ich etwas Einträglicheres machen. Das heißt aber noch nicht, dass es mir besser gehen wird. Von persönlichen und familiären Beziehungen ist nach all den Jahren der Tätigkeit nicht viel übrig geblieben, und so ist die Pflege dieses meines Ortes auf der Landkarte, den ich als kulturellen Ort aufbauen wollte, eigentlich die Hauptsache, die mir geblieben ist und die mir noch Freude bereitet.

Seit meiner Kindheit liebe ich Musik – sie hebt mich empor und bringt Leichtigkeit und Freude ins Leben. Ebenso guter Kaffee und gutes Bier. Also versuche ich, mich um diese heilige Dreifaltigkeit so gut wie möglich zu kümmern, und ich wüsste nicht, was ich sonst tun sollte. Natürlich könnte ich mich stattdessen um Bäume, Bienen, Pferde, Hunde oder Kinder kümmern, aber das Schicksal hat mich hierher geweht, und es scheint mir zu spät zum Umsatteln.

Möglicherweise bin ich einfach nicht imstande, Freiheit gegen Geld einzutauschen, und selbst wenn die Flut des Kapitals meine Sandburgen wegspülen sollte, würde ich wieder irgendeinen anderen enthusiastischen, kulturmissionarischen, verrückten Betrieb aufziehen, weil ich mich an dieses samaritanische Händerecken gen Himmel wohl zu sehr gewöhnt habe. Wenn ich aufhören muss, begebe ich mich auf Wanderschaft und warte, wohin mich der Wind trägt.

Vorerst aber hoffe ich, dass mein unwahrscheinliches Unternehmen bewahrt wird – von Gott, dem Universum, einem guten Geist oder vielleicht von den Inhabern bürokratischer und wirtschaftlicher Macht – als ein unwahrscheinliches Phänomen und als Beweis ihrer helleren Seite.

Was hat Sie diese Arbeit gekostet?

Um mich durch dieses harte Terrain zu graben, musste ich schon mehrfach absolut alles geben – meine gesamte Zeit und Energie, oft wochenlang, manchmal monatelang zum Sklaven meiner Visionen und Projekte werden. Mal mit dem Gefühl eines Sklaven, mal mit dem eines Partisanen, der monatelang im Bunker eingeschlossen ist, arbeitete ich an auseinanderfallenden Projekten, um sie zusammenzuhalten. Oft schon in einem Zustand persönlicher Auflösung versuchte ich, das Schiff – oder das, was davon übrig war – in den Hafen zu steuern, damit Name und Organisation überlebten.

Darunter litt sowohl meine Psyche als auch meine persönlichen Beziehungen, ebenso der Betrieb des Cafés selbst. Es ist unmöglich, große Projekte zu schreiben und zu organisieren und gleichzeitig für sich und seine Nächsten zu sorgen und das Cafépersonal im Auge zu behalten. Ich habe die Kultur dem Konsum und dem Privatleben vorgezogen, und es gab bereits Momente, in denen mir die Kultur etwas zurückgegeben hat. Dafür bin ich sehr dankbar, denn anderen erging es nicht so – sei es, weil sie weniger Glück hatten, oder weil sie nicht alles gegeben haben. Und vielleicht werde ich die Gastronomieseite meiner Tätigkeit unter dem Druck der Brünner Behörden und der Konkurrenz letztlich aufgeben müssen – aber ungern, denn guter Kaffee und gutes Bier gehören zu guter Musik.

Ich will auch immer sagen, dass mich diese Arbeit vor allem die persönlichen und familiären Beziehungen gekostet hat. Aber ich bin nicht sicher, was Huhn und was Ei ist – ob ich an den Beziehungen scheitere, weil ich Kultur mache, oder ob die Projekte eigentlich ein sicherer Hafen vor der komplizierten und schmerzhaften Welt der persönlichen Beziehungen sind. Jedenfalls ist es mittlerweile eine Spirale, die sich immer tiefer bohrt.

Denn wenn man für seine Nächsten weder Zeit noch Geld hat, hat man auch keine Nächsten mehr. Aber ist daran meine Arbeit schuld oder mein Charakter, meine Gene und meine Erziehung? Ich weiß es nicht.

Was mich diese Arbeit definitiv gekostet hat, ist ein Haufen Geld und Zeit, Nerven und Gesundheit. Leber, Rücken, Nerven, Herz, Lunge, Gefäße, Hände und allgemein die Psyche, die Lebenskraft – die verschleißen am meisten. Ich habe einige meiner Vorbilder an Krebs und anderen Krankheiten sterben sehen. Auch mich hat der Krebs ereilt, und zwar als die Lage für mich am unerträglichsten war. Der Tumor war winzig und wurde rechtzeitig entfernt, aber es war ein klares Memento mori, eine Mahnung, klaren Geistes zu bleiben und sich nicht brechen zu lassen. Ich habe versucht, die Entfernung des Tumors als ein Abtrennen des kranken Teils meiner Geschichte zu begreifen, und versuche, dieses kranke Kapitel nicht zu wiederholen.

Wie bleiben Sie bei Verstand, wenn alles unsicher ist?

Am besten gelang das dank einer Lebenspartnerin und Mitstreiterin. Ein wunderbarer Begleiter und Unterstützer war auch der weiße Engel Akira Finemon, dem wir jetzt gemeinsam mit Jirka Pec und Tomáš Vtípil ein singendes Denkmal errichten werden (falls es uns die Grünflächenverwaltung der Stadt Brno letztlich genehmigt).

Jetzt, da Frauen und Hund fort sind, bleibt mir in schweren Momenten nur der Glaube und alle Kanäle des guten Geistes – Meditation, Sauna, Sonne, Yoga, Laufen, Musik, die Freude an Begegnungen, Massage und so weiter. In letzter Zeit begleiten mich oft alte jüdische Lieder voller Licht, Lieder eines Volkes, das das Unüberwindbare überwunden hat und immer wieder aus dem Staub aufgestanden ist. Wenn ich es mir leisten kann oder wenn es nötig ist, heile ich mich am Meer – das liebe ich am meisten, wie eine Berührung der Ewigkeit. Und wenn meine Nerven wirklich am Ende sind, greife ich zu Baldrian oder Phönixtränen.

Immer wieder erscheint mir ein Traumbild: Ich fliege durch die Luft, getragen von der Kraft des Gebets, ohne Ziel, ohne Zweck, dem Schicksal ergeben, und richte meinen Geist auf Gott, er möge mir den Weg zeigen. So fühle ich mich seit elf Jahren – abgesehen von ein bisschen Gerümpel besitze ich fast nichts, nur den Glauben an mich und an das Schicksal. Ich habe den Wind mit meinem Glauben gesattelt, und auf diesem Glauben – dass alles, was geschieht, richtig ist, dass man aber bis zum letzten Atemzug kämpfen muss – fliege ich noch immer.

Vít und Fin in ihrer Heimat
Vít und Fin in der Heimat. Foto: © Martina Koubková

Was hält Sie zusammen, wenn um Sie herum alles zerfällt?

Guter Kaffee!

Frühlingssonne.

Das Grundprinzip meiner Persönlichkeit: für andere tätig zu sein.

Die Liebe als Lebensprinzip und als das Einzige, was Sinn hat.

Am besten zu jemandem hin, aber wenn niemand da ist, bin immer noch ich da und die geschaffene Welt um mich. Solange mein Mensch noch da ist, gibt es noch jemanden, um den man sich kümmern kann, es gibt ein Programm und ein Vermächtnis der Früheren an die Späteren, es gibt ein Gefäß, das ich mit der Kraft des Willens, der Liebe und der Freude zusammenhalten muss, bis es unwiderruflich zerbricht.

Da ist die Erinnerung an vergangene Schönheit, da sind Kindheitsbilder voller Licht, die umso stärker erscheinen, je weniger Licht in den Tagen der Gegenwart ist. Ich bin ein Staffelläufer meiner Vorfahren, die nicht wollen, dass ich falle.

Da ist die Erinnerung an einen echten Kämpfer – meinen legendären Urgroßvater, Bohumil Hrabals Vater und Kriegsheld, der drei Konzentrationslager und eine Granatexplosion überlebte. Was sind meine Leiden gegen die seinen?

Da ist das Licht der Liebe und des Lebens, das wir weitertragen – Hewenu schalom alejchem. Wir dürfen nicht aufgeben.

Vít und Fin in ihrer Heimat
Vít und Fin in der Heimat. Foto: © Martina Koubková

Wie kamen Sie an das Café im Lužánky-Park?

Eines Tages gehe ich an diesem Haus vorbei, führe den Hund Fin spazieren und sehe einen Freund aus dem Freiwährungsprojekt, der das Haus streicht.

Meine damalige Freundin Kamila hatte das Haus oft beäugt, sie wollte ihre Gastgeberfähigkeiten ausleben und fand diesen Ort ideal. Ich sage: „He, Peťo, gehört das dir? Das freut mich für dich. Wir haben oft gesagt, wie toll es wäre, hier einen Laden zu haben.“ Und er ohne zu zögern: „Dann macht doch mit.“ Ich: „Echt?“ Er: „Na klar!“

Ich rannte nach Hause, mit großen Augen, weckte die schlafende Kamila und erzählte ihr alles. Am selben Tag vereinbarten wir mit Petr eine Zusammenarbeit. Nach einem Jahr entschieden sich Petr und seine Frau, uns den Betrieb zu verkaufen. Kamila und ich führten ihn etwa ein weiteres Jahr, bevor wir uns trennten, und nach einem weiteren Jahr gegenseitiger Quälerei kaufte ich ihren Anteil.

Nikolaus in der Ponava
Nikolaus in der Ponava. Foto: © Martina Koubková

Was ist die Ponava heute – ein Café, ein Club, ein Kulturzentrum?

Wir sind eine Basis der freien Kultur, ein Musikclub und ein Ort mit hervorragendem Bier und hervorragendem Kaffee.

Wir sind der Versuch eines Brünner Hyde Park, ein Kampf für die Freiheit der Kultur im öffentlichen Raum gegen die ständigen Bestrebungen, ihn einzuschränken und zu normalisieren.

Heute gehen von der Ponava zahlreiche Projekte aus und arbeiten mit ihr zusammen – Clubprogramm, drei bis sechs Festivals (bei denen die Ponava oft nur als dezentes Logo in der Sponsorenleiste auftaucht) und die kuratierte Musikplattform UFMC / Ponava.Radio.

Wir sind der Versuch, die Freude an Schönheit zu vereinen, empfangen über verschiedene Ports und Interfaces. Wir sind BEER&MUSIC CAFE, und diese Worte vereinen für mich (neben der bildenden Kunst, die bei uns angesichts des begrenzten Raums die zweite Geige spielt) drei Sphären, die zu den kultigsten, kultiviertesten und freudigsten gehören, die eine gewisse Essenz und ungezügelte Lebensfreude tragen. Das sind unsere drei Juwelen, oder wenn Sie so wollen, unsere heilige Dreifaltigkeit.

Viele unserer Leser sind Studierende und Absolventen von Kunsthochschulen. Was muss ein Künstler tun, der in der Ponava ausstellen möchte?

Er hat definitiv gute Chancen auf eine Ausstellung. Die Ponava ist ein sozialer Raum, und die ausgestellten Werke erreichen hier Menschen, die nie eine Galerie betreten würden. Der begrenzte Platz ist ein Nachteil, aber wir hatten hier schon Plastiken, Assemblagen und anderes. Ausstellende bekommen auf jeden Fall hervorragenden Kaffee, Bier und Wein – und wenn wir wieder das Glück haben, Ausstellungsförderung zu bekommen, die wir in den letzten Jahren nicht hatten, werden wir auch wieder Künstlerhonorare zahlen.

Wer bei uns ausstellen möchte, schicke Arbeitsproben an [email protected] – unser derzeitiger Ausstellungskurator wird sich gerne damit befassen und gegebenenfalls nehmen wir den Künstler in den Ausstellungsplan auf.

Stellen Sie uns das diesjährige PonavaFest vor.

Es hat wohl wenig Sinn, hier alle Highlights aufzuzählen – schauen Sie lieber auf ponavafest.cz, wenn Sie mir dieses bisschen Eigenwerbung gestatten. Persönlich freue ich mich am meisten auf die herausragende New Yorker Jazzgitarristin Mary Halvorson und die griechische Sängerin Savina Yannatou – auf die Erde gefallene Sterne, einmal mehr! Dieses Jahr ist auch so etwas wie ein Festival der schönen Frauen, wenn ich mir die Sängerin der psychedelisch-verträumten Den Der Hale und die Bassistin der französischen „Anstreicher“ Putan Club anschaue. Das einheimische Urgestein Dunaj mit Jana Vébrová wird die Party auch nicht verderben! Dass die diesjährigen Erlebnisse stellarer Natur sein werden, verrät das Festivalmotto: Park Side of The Moon.

Ich schaue mir das Programm kaum noch an, oder nur noch ganz flüchtig, weil ich weiß, dass die Festivaldramaturgen Honza Bartoň und Radim Hanousek immer eine farbenfrohe und lebendige Mischung zusammenstellen – eine großartige Party auf der einen Seite, kultivierte Raffinesse und Tiefe auf der anderen. Das alles natürlich in erster Linie für Zuhörer – ich traue mich kaum, „Generation“ zu sagen –, die noch authentische, live spielende Musiker der unabhängigen Szene zu schätzen wissen, die meisterhaft, ja virtuos auf ihren Instrumenten spielen. Für mich gibt es hierzulande kein besseres Musikfestival.

Es zeigte sich, dass das Elektronik-Publikum, das ich persönlich im Unterschied zu manchen Kollegen auch genießen kann, zu weit vom Rest des Festivals entfernt war. Daher haben wir es dieses Jahr durch ein Animationsfilmprogramm in Zusammenarbeit mit der FAMU (Film- und Fernsehfakultät der Akademie der musischen Künste in Prag) ersetzt; das Theaterprogramm hat die Vereinigung der Brünner unabhängigen Theater übernommen. Über beide Partnerschaften bin ich sehr froh, denn Studierende kreativer Fächer und kleine Theater sind eine verlässliche Quelle für Programm, das noch nicht durch Geschäftsdenken und Reverse Engineering verformt ist und sich an wahrhaftiger Schönheit und Tiefe orientiert. Wie immer wird es auch Performer und Dichter geben, Workshops und Meditation… Surůvka, Gazdagová, Havlík, Olivová, David Helán, Jakub Orel, Postovit, Sedmidubská, Horský und eine Schar weiterer großartiger Verrückter.

Ivan Mládek im Ponava Radio
Ivan Mládek im Ponava Radio. Foto: © Martina Koubková

Letztes Jahr haben Sie beim PonavaFest erstmals Pflichteinritt eingeführt. Was hat das verändert?

Eintritt gab es beim Festival immer, aber letztes Jahr begannen wir, ihn als verpflichtend zu präsentieren. Es kamen weniger Leute (teils auch wegen schlechten Wetters), dafür aber diejenigen, die wirklich interessiert sind und unser Programm als Wert empfinden. Mit anderen Worten: Leute, die nur kamen, weil es umsonst war, blieben weg.

Die Höhe der Eintrittseinnahmen änderte sich gegenüber den Vorjahren kaum – nur die Gesamtatmosphäre verlor etwas von ihrer Offenheit. Auch deshalb haben wir die Umzäunung dieses Jahr rein symbolisch gestaltet, damit der Raum weiterhin Offenheit atmet wie in früheren Ausgaben.

Wir wussten, dass es ein unpopulärer Schritt sein und manchen verärgern würde. Aber der Pflichteintritt wurde uns als Voraussetzung für vernünftige Förderung durch das Tschechische Kulturministerium dargestellt. Also versuchte ich, den gesunden Kern dieser Idee zu finden, der für mich so klingt: Kultur ist ein Wert, und die Menschen sollten lernen, dafür zu zahlen. Anders gesagt: Das Immaterielle kultureller Güter sollte kein Grund sein, ihre Bedeutung für das Leben zu unterschätzen. Der Musiker Ivan Palacký sagte es während der Pandemie in einem Interview für Ponava.Radio: „Musik ist für mich so etwas wie Luft.“

Im Programm treffen japanischer Noise, italienischer Brass-Metal, Ivan Mládek und mährische Folklore aufeinander. Wie entsteht dieses Line-up?

Es entsteht in der Diskussion der Dramaturgen als unser Konsens. Uns interessiert das Authentische, das Witzige, das Kluge, das Saftige, das Geistreiche, das Freudige, das Fließende, das Tanzende, das Präzise, das Echte, das Durchgearbeitete, das Entdeckerische, das Transzendente, das Spontane, das Bizarre, das Geschliffene und das Spitzbübische, das Leise und das Wilde, das Geniale und das einfach Gute. Kafka und vor ihm Krishna (ohne dass Franz es ahnte) und gewiss viele andere haben gesagt, dass ein guter Mensch seinen eigenen Weg geht. Für solche Menschen ist unser Festival. So wollen wir auch die Kunst und die kulturellen Speisen und Getränke: authentisch, unkünstlich, nicht durch Marktanalyse erschaffen, sondern durch Wirklichkeitsaufzeichnung.

PonavaFest-Atmosphäre
PonavaFest. Foto: © Jakub Jíra

Wie ist das Verhältnis zwischen Lokalem und Internationalem – und warum genau so?

Lokale Wurzeln mit internationalen zu mischen ist wesentlich: erstens pragmatisch, damit Leute kommen – denn kaum jemand besucht Konzerte von Bands, die er nicht kennt, und das internationale nicht-kommerzielle Schaffen scheint unserem kleinen Teich zunehmend verborgen; und zweitens nach dem Cuvée-Prinzip, bei dem die Vielfalt der Herkünfte und Traditionen eine Vielfalt der Formen, Farben und Düfte erzeugt, vereint in dem, was universelle Form ist, und verschieden in dem, was Farbe der Herkunft und Tradition ist.

Für mich ist es ein bisschen eine Feier der universellen Sprache der Musik und des Prinzips der Grenzüberschreitung aller Art – Grenzen, die letztlich immer Grenzen der Gewohnheit und Geschichte sind, vielleicht Grenzen der Macht, aber nicht des Geistes, der über ihnen wohnt.

Aber das sind nur meine Vorstellungen. Der wahre Blendmaster bin nicht ich, sondern die Dramaturgen des Festivals, die ihre eigenen Träume und die der Zuhörer erfüllen, indem sie internationale und lokale Formationen einladen, die sie sich leisten können, um ein entdeckungsreiches und attraktives Programm zusammenzustellen.

Wenn Sie auf die knapp dreißig Jahre zurückblicken – würden Sie es genauso machen?

Ich habe eine Menge schlechter Entscheidungen getroffen, und das war nötig, um etwas zu lernen und die Wahrheit zu erkennen. Die schlechten Entscheidungen waren also eigentlich gut.

Als eitler Herr schöner Pläne und professioneller Kämpfer gegen Windmühlen bin ich vielleicht eine tragikomische Figur, aber ich hätte wohl nichts anderes werden können. Manchmal leide ich unter dem vergeuteten Leben im unablässigen Kampf für brüchige Prinzipien bei zu wenig anerkannten Verdiensten und Belohnungen. Aber was ich getan habe, habe ich aus Liebe getan, und deshalb glaube ich, dass es richtig war – und ich lasse mich von dieser Reue nicht zerfressen, auch nicht vom Bilanzziehen. Nur Schritt für Schritt weiter, „der Schönheit entgegen, der Liebe hinterher“, wie Robert Nebřenský singt, und „der Liebe entgegen, der Musik hinterher“, wie Frank Zappa ergänzen würde – und sich über jedes Stück Licht freuen, das meine Tage bringen.

Letztlich waren es in der Nähe des Todes genau meine Projekte, die mich ins Leben zurückholten – denn ein Leben ohne echtes Handeln und ohne Liebe hat für mich keinen Sinn.

Was würden Sie einem jungen Menschen sagen, der heute darüber nachdenkt, von Kultur zu leben?

Ich habe nicht das Gefühl, jemandem Ratschläge erteilen zu können, aber wenn ich heute sehe, wie jemand in die Kultur einsteigt, sage ich: MACH DAS NICHT, ES IST EINE FALLE! Finanziell lohnt es sich natürlich nicht, und in den kommenden Jahren wird es vermutlich nur schlimmer. Das muss allerdings nicht gelten für die staatliche und engagierte Kultur – die gebundene Kultur, die der Festigung von Macht dient.

Aber ich befürchte, dass das nötige Maß an Selbstverkauf mit dem Autoritarismus des Regimes und dem Schwinden ungezähmter Energie im System zunehmen wird – und mit dem Krieg.

Ich würde raten, die Schönheit lieber im Alltag zu suchen und im eigenen Inneren und in anderen Lebewesen.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!

Im Original lesen: Česky

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