Buničina

Siegerprojekt von Fresh Edit 2026, dem kuratorischen Open Call von ArtGraduates

Grundriss der HEX Gallery mit der eingezeichneten Anordnung der Werke von acht Künstlerinnen, farblich nach Namen unterschieden
Mögliche Anordnung der Ausstellung Buničina in den Räumen der HEX Gallery. Zeichnung: Kateřina Sochorová

Mehr über den Open Call ArtGraduates Fresh Edit und über die weiteren ausgewählten Projekte.

Die Auswahl für die Ausstellung Buničina (Zellstoff) bilden Arbeiten von sieben bildenden Künstlerinnen und einer Performerin, die quer durch experimentelle Kunstformen arbeiten. Die Werke treten in einen Dialog über Mensch und Natur, über ihren Einklang wie ihre Disharmonie.

Die Ausstellung Buničina befasst sich mit dem menschlichen Bedürfnis, die Natur, den eigenen Körper und die eigene Identität abzugrenzen, zu benennen und zu kontrollieren. Untersucht wird die Überschneidung, vor allem aber der Widerspruch zwischen Kultur und Landschaft, zwischen der Sphäre des Körpers und der seiner Umgebung. Alle gezeigten Arbeiten verbindet das Staunen über das Verhältnis von Zerbrechlichkeit und Bedrohlichkeit organischer Strukturen und vor allem das Interesse an Bewegung, Wechselseitigkeit und Beziehung – an den Prozessen, die sich zwischen Material und Mensch, zwischen Körper und Umgebung abspielen. Sie zeigen, dass Material kein passives Werkzeug des Schaffens ist, dass der Mensch keine geschlossene Einheit ist und die Natur nicht seine passive Kulisse. Der Dialog zwischen den einzelnen Arbeiten erkundet so die unscharfen Grenzen dieser Beziehungen; die Werke arbeiten mit unterschiedlichen Formen, ihre gemeinsamen Nenner sind jedoch Wandelbarkeit, die Formbarkeit der Materie, der Übergang zwischen verschiedenen Zuständen und vor allem der Konflikt zwischen der menschlichen Neigung, Grenzen zu ziehen, und der Erfahrung der Durchlässigkeit.

Die Porcelánové objekty (Porzellanobjekte) von Pavla Gajdošíková sind ein erster Schritt hin zum Erfassen dessen, was wir materielle Autonomie nennen. Keramik und Porzellan sind für die Künstlerin nicht bloß ein Mittel der Herstellung; ihre Formbarkeit wirkt als leitende Kraft, und entscheidend für die konzeptuelle Anlage der Arbeit ist ihre Bereitschaft, die Kontrolle über das Werk aufzugeben und dem Material seinen eigenen Anteil am schöpferischen Prozess zu lassen. Die Objekte entstehen so nicht aus einer künstlerischen Absicht, sondern aus einem Prozess des Hinhörens auf das Material – aus einer Beziehung, die die ganze Ausstellung in einem Raum der Wechselwirkung zusammenhält.

Porzellanobjekte, 2025, Pavla Gajdošíková
Porzellanobjekte, 2025
Porzellanobjekte, 2025, Pavla Gajdošíková
Porzellanobjekte, 2025

Die Arbeit von Iva Davidová berührt seit Langem die Kommunikation und das Zusammenleben zwischen den Arten, aber auch die Wahrnehmung von Pflanzen, die Politik der Rasenflächen oder den Umgang mit sogenannten invasiven Arten. Neben ökologischer Trauer und Angst taucht in ihrem Schaffen die Vorstellung einer „militanten Sanftheit“ und einer radikalen Imagination auf. Die Zeichnung Watching The Leaves Fall Wishing I Could Do The Same… (Ich sehe die Blätter fallen und wünschte, ich könnte dasselbe tun…) und die Blechinstallation Breathing Hard In The Pastures (Schweres Atmen auf den Weiden) treten so als sehr persönliche Gesten auf, die zugleich die Grenze menschlicher Erfahrung überschreiten und Naturprozesse, Wandlung, Hingabe und die Sehnsucht nach einer anderen Lebensweise zum Thema machen.

Watching The Leaves Fall Wishing I Could Do The Same…, Zeichnung, 57 × 28 cm, 2025 (links) Breathing Hard In The Pastures, Blechinstallation, Zaazrak Dornych, Brno (rechts), Iva Davidová
Watching The Leaves Fall Wishing I Could Do The Same…, Zeichnung, 57 × 28 cm, 2025 (links)
Breathing Hard In The Pastures, Blechinstallation, Zaazrak Dornych, Brno (rechts)

Prozesse und Verwandlungen, die sowohl die Landschaft als auch die menschliche Gesellschaft durchziehen, sind auch bei Anna Treterová Thema. In den Arbeiten Divoké traviny (Wilde Gräser) und Má dobrá a zlá stránka (Meine gute und böse Seite) erscheint das Landschaftsmotiv als Gegenstand der Untersuchung und der Beobachtung und verwandelt sich in den Händen der Künstlerin in einen Raum, einen physischen wie einen seelischen, in dem wir über die eigenen Zugänge zum Beobachten sprechen können.

Wilde Gräser, 2025, Anna Treterová
Wilde Gräser, 2025
Meine gute und böse Seite, 2025, Anna Treterová
Meine gute und böse Seite, 2025

Einem ähnlichen Ansatz begegnen wir im Werk von Barbora Vovsová. Sie zeigt Prozesse wie Entstehung, Wachstum, Kreislauf und den Aufbau der Materie in ihrer elementaren Gestalt; sie zerlegt komplexe großformatige Arbeiten in modulare Elemente und setzt sie neu zusammen. Damit vollzieht sie eine wichtige konzeptuelle Verschiebung zwischen dem Blick auf das Ganze und dem auf seine Bauelemente und verweist auf die Parallele zwischen architektonischen und natürlichen Prinzipien.

Ausstellungsansicht in der Jan Čejka Gallery, 2024, Foto Jakub Červenka, Barbora Vovsová
Ausstellungsansicht in der Jan Čejka Gallery, 2024, Foto Jakub Červenka

Mit der Grenze zwischen Organischem und Künstlichem arbeitet auch Tereza Holá, die in der Installation Otvorem v bachoru, olíznuté zevnitř (Durch die Öffnung im Pansen, von innen geleckt) Themen der Ökologie, der Mutterschaft, der Partnerschaft und der Körperlichkeit verbindet. Der Körper erscheint in ihrer Arbeit nicht länger als Ganzes mit fest gezogenen Grenzen; Körperlichkeit wird zur Landschaft, zur Bewegung, zum Raum, in dem Beziehungen entstehen. Pole těla (Feld des Körpers) treibt dies noch weiter und widmet sich Motiven menschlicher Autonomie, in denen das menschliche Subjekt in seiner ganzen Verletzlichkeit erscheint.

Durch die Öffnung im Pansen, von innen geleckt, ExPost Prag, 2023, Tereza Holá
Durch die Öffnung im Pansen, von innen geleckt, ExPost Prag, 2023
Feld des Körpers, 2024, Tereza Holá
Feld des Körpers, 2024

Diese Verletzlichkeit klingt auch im Schaffen von Klára Samcová an. Die Installation lost sharpness (verlorene Schärfe) arbeitet weiter mit der Harmonie organischer Strukturen und mit der Autonomie der Materie im schöpferischen Prozess. Zugleich macht die Künstlerin zwischenmenschliche und gesellschaftliche Spannungen, Intimität und deren wechselseitige Abhängigkeit zum Thema.

lost sharpness (verlorene Schärfe), 2022, Klára Samcová
lost sharpness (verlorene Schärfe), 2022

In third shift (dritte Schicht) und is it possible to resist normative roles? (ist es möglich, normativen Rollen zu widerstehen?) zeigt sich der Körper als Objekt gesellschaftlichen Interesses, beladen mit Erwartungen von außen.

third shift (dritte Schicht), 2024–2025. Foto: Lucie Hyšková, @laurajmenemlucie, Klára Samcová
third shift (dritte Schicht), 2024–2025. Foto: Lucie Hyšková, @laurajmenemlucie
third shift (dritte Schicht), 2024–2025. Foto: Lucie Hyšková, @laurajmenemlucie, Klára Samcová
third shift (dritte Schicht), 2024–2025. Foto: Lucie Hyšková, @laurajmenemlucie
is it possible to resist normative roles? (ist es möglich, normativen Rollen zu widerstehen?), 2025. Foto: Lucie Hyšková, @laurajmenemlucie, Klára Samcová
is it possible to resist normative roles? (ist es möglich, normativen Rollen zu widerstehen?), 2025. Foto: Lucie Hyšková, @laurajmenemlucie
is it possible to resist normative roles? (ist es möglich, normativen Rollen zu widerstehen?), 2025. Foto: Lucie Hyšková, @laurajmenemlucie, Klára Samcová
is it possible to resist normative roles? (ist es möglich, normativen Rollen zu widerstehen?), 2025. Foto: Lucie Hyšková, @laurajmenemlucie

Viola Starzyková kehrt in ihrer Arbeit zur figürlichen Zeichnung zurück und bezieht ihre formalen Anregungen aus mittelalterlichen Manuskripten. Sie arbeitet mit vertriebenem Pastell auf Leinwand, mit einer Technik also, die zwischen Zeichnung und Malerei steht. Ihr Portrét (Porträt), in dem sie das weite Thema der menschlichen Identität aufgreift, bildet innerhalb der Ausstellung jenen Punkt, an dem sich alle bisherigen Fragen in einem Körper und einem Blick bündeln.

Ergänzt wird die Ausstellung durch einen (wiederholten) Auftritt von Lenka Jirková Táborská, deren Performance O přijetí (Über das Annehmen) das Publikum endgültig weg vom physischen Objekt und hin zum Sich-in-Beziehung-Setzen führt: zum Annehmen des eigenen Körpers, des anderen Menschen, des eigenen Platzes in der Welt.

O přijetí (Über das Annehmen), Performance in einer Synagoge, 2020, Lenka Jirková Táborská
O přijetí (Über das Annehmen), Performance in einer Synagoge, 2020

Buničina stellt Mensch und Natur nicht gegeneinander. Die Ausstellung ist als eine Folge von Übergängen angelegt; Material geht in Objekt über, Objekt in Körper, Körper in Landschaft und Landschaft in Psyche. Diese Übergänge verlaufen nicht nur in eine Richtung: Alles tritt miteinander in Beziehung und wirkt aufeinander ein. Was zerbrechlich wirkt, kann zugleich gewaltsam sein; was natürlich erscheint, kann das Ergebnis eines kulturellen Eingriffs sein, und das, was wir den eigenen Körper nennen, ist in Wirklichkeit durchlässig gegenüber der Umgebung, gegenüber anderen Menschen und anderen Organismen. Buničina zeigt die Welt als ein Netz von Beziehungen, in dem jede Form vorläufig, jeder Körper durchlässig und jedes Material Träger von Erfahrung ist; zwischen Nähe und Störung, zwischen Menschlichem und Nichtmenschlichem entsteht ein Raum, in dem sich die einzelnen Arbeiten gegenseitig verwandeln können.

Teil des Projekts ist ein Entwurf für die Anordnung der Ausstellung in zwei konkreten Räumen in Brno: der HEX Gallery und der Galerie Ponava.

Anmerkung der Redaktion: Kateřina Sochorová hat als Einzige unter den Teilnehmenden des Open Calls von sich aus die Grundrisse beider Galerien angefordert und sich vergewissert, dass die Ausstellung dort tatsächlich stattfinden könnte.

Visualisierung der Installation der Ausstellung Buničina, Blick in den Hauptsaal der HEX Gallery
Visuelle Darstellung einer möglichen Anordnung der Werke in der HEX Gallery (1). Zeichnung: Kateřina Sochorová
Visualisierung der Installation der Ausstellung Buničina, Blick auf die Wand mit Malerei und Sockeln
Visuelle Darstellung einer möglichen Anordnung der Werke in der HEX Gallery (2). Zeichnung: Kateřina Sochorová
Visualisierung der Installation der Ausstellung Buničina, Blick mit einer quer gehängten Textilinstallation
Visuelle Darstellung einer möglichen Anordnung der Werke in der HEX Gallery (3). Zeichnung: Kateřina Sochorová
Grundriss der Ausstellung Buničina in der Galerie Ponava
Mögliche Anordnung der Ausstellung in der Galerie Ponava. Zeichnung: Kateřina Sochorová

Im Original lesen: Česky

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