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Mit der Geburt jedes Menschen wird der Existenz eine neue Weltlinie hinzugefügt, ein Weg, der auf ein bestimmtes Ziel zuläuft und dessen Ende dem, der ihn geht, verschleiert bleibt. Jedes Mal, wenn dieser Mensch an einer Weggabelung steht, entstehen parallele Weltlinien. Sich zu entscheiden heißt, eine dieser Weltlinien zu wählen, auf der das Leben weitergeht. Und es ist unsere Wahl, die uns von einer Weltlinie in die andere trägt. Aber welche Wahl, welche Weltlinie ist die gute? Wir wissen es nicht.
Manchmal trifft unsere Weltlinie auf eine Störung, und diese Störung schickt uns gegen unseren Willen in eine andere Weltlinie. Es ist nicht unsere Wahl, nicht unsere Entscheidung, nichts, was wir begrüßen würden. Wir wissen nicht, woher sie kam, warum sie kam oder was in der neuen Weltlinie geschehen wird, die sie uns aufgezwungen hat.
Sie kommt und trägt uns anderswohin, ohne dass wir es steuern können: der Verlust eines geliebten Menschen, ein geplatztes Geschäft, das Ende einer Beziehung, ein verlegter Schlüssel, ein Auto, das nicht anspringt, und alles andere, was wir Unglück nennen.
Diese Störung ist ein Segen; sie ist Kheir (Arabisch und Persisch: gut).
„…Es mag sein, dass euch etwas zuwider ist, während es Kheir für euch ist; und es mag sein, dass ihr etwas liebt, während es schlecht für euch ist.“
In dieser Ausstellung haben wir versucht, diesen Gedanken in drei Akten zu inszenieren: zuerst ein Durchgang in einem Maßstab jenseits des Menschlichen, durch den man intuitive Einsicht gewinnt; dann ein Abstieg in die menschliche Perspektive und in die gefühlte Wirklichkeit gelebter Erfahrung; und schließlich der verborgene Mechanismus, der hinter dem Vorhang der Existenz wirkt, sichtbar gemacht durch Gemälde und Installationen.
Akt I: Entschleiert
Die Ausstellung beginnt mit einer Auswahl aus dem Werk von Tomáš Sejkora, einem Künstler, der den Gedanken mit Geometrie und Farbe elegant auf den Punkt bringt: die Wahl, die Kreuzungen, das Ziel und die verborgenen Dimensionen der Existenz, die ihnen zugrunde liegen. In Pneuma zeigt er das Nebeneinander unendlich vieler Welten in einem einzigen, gleichzeitigen Zeitrahmen, während jeder Mensch nur die Weltlinie betrachtet, die er gerade bewohnt, ohne zu ahnen, dass es die anderen überhaupt gibt.
Haben sie die richtige Weltlinie gewählt, um ein ideales oder ersehntes Ziel zu erreichen? Was würde geschehen, wenn sie eine andere wählten? Jede Wahl ist der Eintritt in eine andere Weltlinie. Im Gemälde Transzendenz der Landschaft spannt sich eine Schicht, die den gegenwärtigen grünen Weg darstellt, über eine Folge von Galaxien. Sie steht für die Summe der gelebten Weltlinien, für den Weg, den die menschliche Seele bisher zurückgelegt hat, gegenüber den Wegen, die noch vor ihr liegen.


Im Gemälde Reise wirken einander überlagernde ovale Rahmen wie Fenster in die Zeit, die den geschichteten Aufbau der Wirklichkeit freilegen, als wäre die Fahrt auf dieser Straße ein Durchgang durch verschiedene Ebenen der Existenz. Das Zusammenspiel tiefer Blautöne und lapisblauer Nacht weckt ein Gefühl des Schwebens. Eine gelbe Straße, die in einem unbekannten violetten Ziel endet, hinterlässt vor unseren Augen eine Spur und führt uns näher an unseren menschlichen Blickwinkel heran.
Akt II: Die Aufführung
Wir folgen der Spur, die das vorige Werk hinterlassen hat, und gehen in den nächsten Saal. Allmählich löst sich der Hintergrund des letzten Gemäldes auf, und ein Vorhang fällt, während die Betrachtenden in ihren menschlichen Körper zurückkehren. Die Betrachtenden betreten einen Raum, dem Details, Farbe und Komplexität entzogen sind: FORM IST LEERE, LEERE IST FORM von Tomáš Polcar. Dunkle Öffnungen in einer nahtlosen weißen Wand laden den Geist der Betrachtenden dazu ein, Anwesenheit durch Abwesenheit wahrzunehmen, Öffnungen ins Unbekannte. Es ist genau das innere Gefühl, vor einer Wahl zu stehen: der Punkt, an dem Weltlinien entstehen.

Hinter dieser absoluten Dunkelheit liegt die Möglichkeit einer zweiten Geburt, einer neuen Stufe des Bewusstseins. In Selbstporträt mit schwarzem Loch hat sich Lenka Jirková Táborská selbst gemalt, wie sie auf ein ungebetenes schwarzes Loch hinter ihrem eigenen Rücken blickt, einen Augenblick, bevor sie den Ereignishorizont überschreitet.
In diesem Moment halten auch wir inne und blicken ein letztes Mal zurück auf das, was wir Katastrophe und Unglück genannt haben: auf eine Sammlung schlimmster denkbarer Szenarien, die Zdeněk Daněk in Auf der Lauer und Noch mehr Pech in einer Waldlandschaft eingefroren hat. Hier stehen wir dem völligen Kontrollverlust gegenüber; die Krisen und das Unbekannte sind nicht das Ergebnis einer Wahl, sondern die Folge reinen Zufalls und des ungesteuerten Chaos des Universums.
In seinem weiteren Werk Im Jahr 2000 zieht eine großformatige Leinwand die Betrachtenden ganz in die tatsächliche Lage dieses Augenblicks hinein, als steuerten wir selbst das Fahrzeug, das sein Licht auf die Szene wirft. Im gleichnamigen Gegenstück Im Jahr 2000 dagegen dreht der Künstler die Perspektive um 180 Grad und zeigt die Szene aus der Vogelperspektive. So entsteht ein starker Kontrast zwischen zwei Ebenen der Wirklichkeit: Für den Blick vom Boden aus gibt es Drama, Spannung, Schock und ein Geschehen, das sich gerade entfaltet; für das Auge des Himmels gibt es Stille und Ewigkeit.
Akt III: Hinter dem Vorhang
Wir ziehen den Vorhang beiseite und sehen den Bauplan und den Antrieb des Systems, die Jan Svoboda in Deus ex machina offenlegt. Statt das Ereignis selbst mitzuerleben, blicken wir auf den verborgenen Mechanismus, der Schicksal, Zufall und plötzliche Lösung lenkt: auf den Gott, der erscheint, um uns von dieser Weltlinie zu lösen und in eine andere zu tragen.
Die Schleife von Jan Turner scheint uns auf dieselbe Weise von einem Streifen, einem Band, zum nächsten zu tragen: zwei Kunststoffstreifen, die für Weltlinien stehen, verbunden durch einen einzigen Metallstab.
Der Mensch wird fortwährend zwischen diesen Bändern hin und her bewegt. Für eine bildliche Verkörperung jener Kraft, die kein gewöhnliches Auge sieht und die dennoch die Bahnen unseres Lebens prägt, wenden wir uns den Arbeiten von Anna Treterová zu.
In der Arbeit Magnetfelder laufen geschwungene, einander kreuzende Linien in Türkis und Smaragdgrün auf ein einziges leuchtendes Zentrum zu. Im Herzen des Unbekannten, im Herzen der schwarzen Löcher liegt kein Ende, sondern ein Anfang: In Blüte und Geburt eines Sterns.
Schluss: Die Beobachterperspektive neu zentrieren
Nachdem sie die einzelnen Ebenen der Ausstellung durchschritten und den Galerieraum verlassen haben, sind die Betrachtenden keine ahnungslosen, passiven Beobachter mehr, gefangen in ihrer eigenen Weltlinie und zufälligen Unfällen, Verlusten und Katastrophen ausgeliefert. Am Ausgang sind sie zu bewussten Zeugen geworden: zu Menschen, denen es für einen Moment gelungen ist, Abstand vom linearen Drama des Lebens zu nehmen und die verborgene Struktur der Existenz von einem Standpunkt jenseits des Menschlichen zu betrachten.
Mit dieser erneuerten Intuition beginnen sie, in jedem Unglück die Spur eines Segens in veränderter Gestalt und einen Anstoß hin zu einer höheren Weltlinie zu suchen. In den dunkelsten schwarzen Löchern des Lebens liegen der Keim der Wiedergeburt und eine neue Folge von Möglichkeiten. Kheirs können sie sehen.










